Integrierter Ansatz und drei Dimensionen der Nachhaltigkeit

Schon in der Präambel aber auch an vielen anderen Stellen des Agenda 2030 Dokuments wird betont, dass der integrative Charakter der Ziele für nachhaltige Entwicklung für die Umsetzung der Agenda 2030 von ausschlaggebender Bedeutung ist. Dieser ist von zwei Aspekten geprägt:

In der Agenda 2030 stehen erstmals soziale, ökonomische und ökologische Dimensionen der Nachhaltigkeit als sich einander bedingende Faktoren gleichberechtigt nebeneinander. Armutsbekämpfung wird mit nachhaltiger Entwicklung und Ressourcen- und Klimaschutz in einem handlungsleitenden Dokument zusammengedacht.

Daneben erkennt die Agenda 2030 an, dass globale Herausforderungen eng miteinander verknüpft sind. Sie betont, dass die 17 SDGs integriert und unteilbar sind. Sie stellt selbst zahlreiche Bezüge zwischen den 17 Zielen und den 169 Unterzielen her. Auch die Indikatoren verweisen aufeinander oder sind sogar inhaltsgleich bei verschiedenen Zielen.

Zwischen vielen Zielen gibt es positive Wechselwirkungen (Synergien). Sie erklärt aber auch, dass kein Ziel zu Lasten eines anderen umgesetzt werden darf. Fortschritte in einem Bereich sollen Entwicklungen in einem anderen Bereich nicht minimieren oder gar hindern („trade-off“). Unvermeidbar auftretende Zielkonflikte sollen vielmehr in einem strukturierten inklusiven Dialog angegangen und Alternativen gefunden werden.

Besonders in fragilen und von Gewalt betroffenen Kontexten liegen Zielkonflikte auf der Hand, sind häufig politisch sensibel. Raum für zivilgesellschaftliches Engagement und inklusive Prozesse eingeschränkt bzw. für bestimmte Gruppen nicht vorhanden.

Worauf ist zu achten? Zentrale Fragestellungen

Bei der Konzeption von Vorhaben müssen beide Aspekte des integrativen Ansatzes aufgegriffen werden. Es gilt alle Dimensionen der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, die einfach umsetzbaren Ziele zu priorisieren und die sensiblen oder schwierigen nicht zu berücksichtigen (Cherry-Picking). Das heißt nicht, dass ein Vorhaben nicht eine Dimension priorisieren kann. Zudem sollen Maßnahmen so aufgesetzt werden, dass sie sich möglichst gegenseitig unterstützen können. Dabei gilt es besonders in fragilen Kontexten kontext- und konfliktsensibel vorzugehen oder zumindest nach dem Do-No-Harm-Prinzip nicht-intendierte negative Auswirkungen zu vermeiden. Dies bedarf einer politikfeld- und sektorübergreifenden Zusammenarbeit sowohl innerhalb der GIZ, in Deutschland (auf Geberseite und auf globaler Ebene) als auch im Partnerland.

Bereits in der Klärungsphase der Prüfung sollten mit den Fach- und Methodenmanager/innen mögliche Schnittstellen zu anderen Sektoren und im Land tätigen Vorhaben eruiert werden, um die entsprechende Expertise einzubinden, die alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit abdeckt.

Die Möglichkeit einer übersektoralen Veränderungsstrategie ist bereits zum Zeitpunkt der Erstellung der Kurzstellungnahme zu prüfen.

Auch die Ausweitung auf mögliche weitere/andere Kooperationspartner im Land, außerhalb der bekannten sektoralen Partner, muss frühzeitig bedacht werden.

Vor und während der Prüfung sollte das Missionsteam diskutieren, ob neben dem Partnerministerium weitere Fachministerien in die Steuerungsstruktur des Vorhabens eingebunden werden, um eine integrierte Umsetzung der Reformvorhaben im Partnerland zu unterstützen und interministerielle Kooperation zu fördern.

Eine Auswahl an zentralen Fragestellungen:

  • Auf welche Dimensionen der Nachhaltigkeit (wirtschaftlich, ökologisch, sozial) wirkt das Vorhaben direkt/indirekt ein? Wie wird sichergestellt, dass negative Wechselwirkungen vermieden und Synergien genutzt werden?
  • Welche interministeriellen Koordinierungsstrukturen beziehungsweise Abstimmungsmechanismen gibt es auf nationaler Ebene für Umsetzung und Monitoring der Agenda 2030 im Sinne eines integrierten Ansatzes und wie können diese vom Vorhaben eingebunden werden? (Können diese die intersektorale Umsetzung eines Vorhabens befördern?)
  • Wo wird schon übersektoral gearbeitet oder wo bietet sich ein solcher Ansatz an, um Wirkungen zu verstärken/ negative Wirkungen zu vermeiden?
  • Wie können sprechfähige Akteure (auch aus der Zivilgesellschaft) zu anderen Nachhaltigkeitsdimensionen in die Prüfmission eingebunden werden?
  • Welche Interdependenzen mit anderen Entwicklungszielen werden während der Prüfung beobachtet? Welche Akteure sollten dementsprechend für eine Koordination auf Partner oder Geberseite kontaktiert werden?
Hilfreiche Tools & Ansätze

In dem Kontext steht als Hilfestellung z.B. das Chapeaupapier zu Governance in und mit Sektoren zur Verfügung. („Sektorgovernance“ kann als Ansatz verstanden werden, sektorale und Governance-Themen integriert zu bearbeiten. Damit können die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von sektoralen Programmen und von Governance-Interventionen erhöht werden.)

Ein gutes Beispiel ist auch die BMZ Sektorstrategie „Wasser“ mit ihren Querbezugsstrategien (Wasser, Umwelt, Klimawandel und Wasser, Energie Landwirtschaft (Nexus-Perspektive)) zu anderen Sektoren.

Die verbindlichen Mindeststandards des Safeguards+Gender Managementsystem gehen Hand in Hand mit diesem Prinzip. Es deckt alle vier Phasen des Auftragsmanagements ab und unterzieht die Themen Umwelt und Klima, Menschenrechte, Konflikt- und Kontextsensibilität und Gender einem systematischen Prüfprozess auf externe Risiken und nicht-intendierte, negative Wirkungen für alle drei Dimensionen. Für Gender wird darüber hinaus auch auf Potenziale zur Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter geprüft.

Um den Ansatz eines bestehenden Vorhabens hinsichtlich des integrierten Ansatzes zu überprüfen, bietet es sich an abzugleichen, zu welchen Unterzielen der SDGs bereits beigetragen wird.

Hierfür kann man diese Tabelle gut nutzen. Die Tabelle kann recht schnell und unkompliziert von den Vorhaben selbst ausgefüllt werden. Unterziele/Indikatoren, zu denen kein Bezug besteht, können problemlos gelöscht werden. Oft entstehen beim Ausfüllen der Tabelle schon erste Ideen, wie der Ansatz des Vorhabens mit wenig Aufwand in andere Sektoren ausgeweitet werden kann, ohne dass sich der thematische Fokus verschiebt.

Auf Basis der Tabelle fällt es dann leicht, mit dieser Visualisierungshilfe weiterzuarbeiten – dem sogenannten „SDG-Rad“. Dies kann von Prüfer/innen und Berater/innen genutzt werden, um bereits verwirklichte beziehungsweise potenzielle Beiträge zu den Entwicklungszielen systematisch darzustellen. Diese Visualisierungshilfe wurde ursprünglich von der GIZ Prüf- und Evaluierungsmission des Regionalvorhabens MINSUS in Bezug auf den Bergbausektor Chiles genutzt.

Ein weiteres hilfreiches Tool ist das Netzdiagramm integrierter Ansätze zur Schnellbewertung integrierter Ansätze bei Prüfmissionen.

Beispiele aus der Praxis

Das Kommunalentwicklungsvorhaben Stärkung der dezentralen Regierungsstruktur in Nepal unterstützt seit 2015 lokale Verwaltungen dabei, nachfrageorientierte Dienstleistungen zu erbringen. Im Rahmen der Prüfmission für ein Aufstockungsangebot wurde ein Workshop mit den Auftragsverantwortlichen anderer Vorhaben des Landes durchgeführt (unter anderem aus den Sektoren Energie, Gesundheit, Landwirtschaft). In diesem Rahmen wurden Interdependenzen und Kooperationspotentiale zwischen den Sektoren diskutiert, um durch mögliche Synergien zwischen den einzelnen Projekten die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 effizienter zu erreichen. Auf der Basis des Verständigungsprozesses kann nun ein Angebot entwickelt werden, in dem lokale Regierungsführung als Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Vorhaben fungiert.

Das Globalvorhaben Cities Finance Facility hat als Zielsetzung, dass Städte Finanzmittel zur Umsetzung von lokalen Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen mobilisieren und dadurch ihre CO2-Emissionen verringern und ihre Resilienz gegenüber dem Klimawandel stärken. Durch die Unterstützung wird Städten die Möglichkeiten geboten, einen Beitrag zur Erreichung der im Klimaschutzabkommen von Paris festgelegten Ziele zu leisten und den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 1,5° C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Damit fördert das Vorhaben auch die Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), der Addis Ababa Aktionsagenda und der New Urban Agenda. Agenda 2030-bezogene Beiträge beziehen sich auf die Ziele 5 (Gleichberechtigung der Geschlechter), 7 (erneuerbare Energie), 9 (Innovation und Infrastruktur), 11 (nachhaltige Städte und Gemeinden), 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) und 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele).

 

Weitere Sektor- und SDG-übergreifende Beispiele finden sich in der Publikation ‚Gender takes Centre Stage – at GIZ and in the Agenda 2030‘.

Weitere Beispiele finden sich auch im Kapitel "Unsere Themen" der Fachabteilungen ("Prinzipienumsetzung in der 4B, C, D")

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