Von MDG zu SDG

International besteht Konsens, dass die Agenda historische Tragweite hat: Alle Mitgliedstaaten haben sich nach einem langwierigen Verhandlungsprozess im Konsens auf die gemeinsame Agenda verständigt und damit gemeinsame Verantwortung für das Erreichen einer globalen nachhaltigen Entwicklung übernommen.

In der Agenda 2030 fließen zwei wichtige Stränge der internationalen Debatte der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte zusammen. Die Armuts- und Entwicklungsagenda der Millenium Development Goals (MDGs) und die Nachhaltigkeitsagenda, der Rio-Prozess. Dieser begann mit dem „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro 1992, bei dem sich die internationale Staatengemeinschaft auf das Ziel einer globalen nachhaltigen Entwicklung verständigte. Die Rio+20-Konferenz im Juni 2012 beschloss dann, SDGs als Beitrag zur Post-2015-Agenda (frühere Bezeichnung für Agenda 2030) zu entwickeln. Die folgende UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung im Juli 2015 in Addis Abeba bereitete den Weg zur Verwirklichung der gemeinsam gesteckten Ziele. Weitere Informationen zum Post-2015 Prozess finden sich hier.

Die Agenda 2030 geht weit über die MDGs hinaus. Sie erfüllt die verbleibenden Aufgaben der MDGs, gleicht deren erkannten Schwächen aus und baut auf die Umsetzungserfahrung auf. Sie vereint erstmals Entwicklungs- und Umweltfragen. Sie ist in einem partizipativen und transparenten Prozess entstanden. Sie gilt universell, d.h. nicht nur für Entwicklungsländer sondern auch für Industrie- und Schwellenländer. Sie enthält einen Überprüfungsmechanismus und definiert eigene Umsetzungsmittel. (Factsheet "Das Neue an der Agenda 2030")

Für die Messung der Umsetzungsfortschritte auf globaler Ebene hat eine Arbeitsgruppe der VN ein Set von 231 Indikatoren zur Messung der 17 Ziele und 169 Unterziele der Agenda 2030 auf globaler Ebene erarbeitet. Sie werden durch Indikatoren auf nationaler und regionaler Ebene ergänzt, die von den Mitgliedstaaten zu entwickeln sind. Mehr Informationen dazu finden sich hier und im Factsheet zum globalen Indikatorrahmen

 

Auf den Erfahrungen aufbauen...

In 2015 ist der Zeitrahmen der Millenniumsentwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDG) ausgelaufen. Ihr Ziel war, die Lebensbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern zu verbessern, Armut und Hunger zu verringern, Bildung und Gesundheit zu verbessern. Auch wenn nicht alle Ziele erreicht wurden, werden die MDG international als großer Erfolg global konzertierter Armutsbekämpfung bewertet.

Bei vielen Millenniums-Zielvorgaben waren die Fortschritte weltweit gesehen erheblich, für einzelne Regionen und Länder, insbesondere in fragilen Kontexten jedoch ungleichmäßig, und es bestehen noch immer große Lücken. Millionen Menschen blieben zurück – insbesondere die ärmsten und diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters, einer Behinderung, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihres Wohnorts benachteiligt sind. „Trotz enormer Fortschritte leben selbst heute noch rund 800 Millionen Menschen in extremer Armut und leiden Hunger. Mehr als 160 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind für ihr Alter zu klein, weil sie nicht genug zu essen haben. Derzeit besuchen 57 Millionen Kinder im Grundschulalter keine Schule. Noch immer arbeitet fast die Hälfte der Erwerbstätigen weltweit in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen…Täglich sterben etwa 16.000 Kinder unter fünf Jahren, zumeist an vermeidbaren Ursachen. Um diese Menschen zu erreichen, bedarf es gezielter weiterer Maßnahmen" …so liest man im MDG-Bericht 2015, der die Zielerreichung aller 8 MDGs darlegt. Für die Zielerreichung siehe auch die MDG progress charts.

Anders als die SDG hatten die MDG ihren Fokus auf der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit, auch wenn in MDG 1 (Armutsbekämpfung) die ökonomische Dimension und in MDG 7 die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit angesprochen wurde. Die SDG sind wesentlich ambitionierter. Sie vereinen Umweltziele, soziale und wirtschaftliche Ziele unter einem Dach. Mit der durchgängigen Forderung Niemanden Zurückzulassen/Leave no one behind erkennen die SDGs an, dass sich die Zielerreichung nicht an nationalen Durchschnittswerten messen lässt, sondern insbesondere benachteiligte Menschen und Gruppen berücksichtigt werden müssen.

 

Bei einigen SDGs, beispielhaft SDG 1, 2, 3 und 4, kann jedoch unmittelbar an den Arbeiten zu den MDG angeschlossen werden.

SDG 1, 2 und 3 (Armut, Hunger, Gesundheit): Auch wenn die Kontinuität zwischen MDG und SDG hier vergleichsweise hoch ist, sind die Ziele deutlich ausgeweitet worden. So ist z.B. eine wichtige Strategie zur Armutsbekämpfung, die nun auch explizit in den Unterzielen von SDG 1 „keine Armut“ verankert ist, der Aufbau sozialer Sicherungssysteme zur Absicherung gegen Notlagen aufgrund von individuellen Lebensrisiken wie Krankheit, Unfall, Behinderung, Alter, Ernteausfall und Tod. Auch betonen die SDGs die Rolle von sozialer Sicherung bei der Reduzierung von Ungleichheiten (SDG Unterziel 10.4) und stellen eine Verknüpfung zur Arbeitsmarktpolitik (8.5 decent work) her.

 

Das SDG 2 „kein Hunger“ wurde angepasst und adressiert neben der Beendigung von Hunger und Unterernährung alle Formen von Fehlernährung und schließt damit auch Überernährung ein.

Die Senkung der Kindersterblichkeit (MDG 4), die Ver­besserung der Gesundheitsversorgung von Müttern (MDG 5) sowie die Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Infektions­krankheiten sind unter SDG 3 „Gesundheit und Wohlergehen“ weiterhin zentrale Ziele der Entwicklungsagenda. Neu ist die Reduzierung der Mortalitätsrate durch nicht-übertragbare Erkrankungen, für die erstmals ein eigenes Unterziel (3.4) formuliert wurde. Damit nimmt neben der Behandlung dieser Erkrankungen auch die Prävention von Risikofaktoren eine zentrale Rolle ein. Um ein gesundes Leben für alle Menschen zu ermöglichen, wird eine universelle Absicherung im Krankheitsfall (universal health coverage, UHC) angestrebt.

 

SDG 4 (Bildung) sowie 3, 5, 8, 12 und 13: Bildung ist - anders als in den MDG - nicht nur Ziel, sondern zugleich Mittel zu Erreichung anderer SDG und der gesamten Globalen Nachhaltigkeitsagenda. Bildung ist also nicht nur auf SDG 4 beschränkt, sondern kommt in fünf Unterzielen explizit zum Ausdruck (3.7 Gesundheit und Wohlergehen, 5.6 Geschlechtergleichheit, 8.6 Gute Arbeit und Wirtschaftswachstum, 12.8 Nachhaltiger Konsum und Produktion und 13.3 Klimaschutz und Anpassung). Während zunächst das MDG 2 den Schwerpunkt auf Kinder und ihren Zugang zu Grundschulbildung legte, verfolgte das darüberhinausgehende Aktionsprogramm „Education for all“ eine breiter gefasste Agenda, die auf Befriedigung der grundlegenden Lernbedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen abzielte. Die Agenda 2030 stellt eine Fortsetzung dar, geht jedoch noch darüber hinaus, indem sie alle Länder verpflichtet, einen chancengerechten Zugang zu hochwertigen Lernangeboten auf allen Bildungsstufen im Sinne des lebenslangen Lernens inkl. frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, Grund-, Sekundar- und Hochschulbildung sowie der Alphabetisierung und Vermittlung von Basisqualifikationen für Jugendliche und Erwachsene sicherzustellen. Ebenfalls neu ist der Fokus auf die Relevanz von Lernergebnissen, sowohl in Bezug auf die Arbeitswelt als auch im Hinblick auf bürgerschaftliche Teilhabe in einer globalen und eng vernetzten Welt. Die Bildungsagenda umfasst also die Zielsetzung der vorangegangenen Education for All (EFA) und MDG-Agenden, und erweitert diese um ‚lebenslanges Lernen‘, ‚Inklusion und Chancengerechtigkeit‘ sowie ‚Qualität und Lernergebnisse in allen Bildungsstufen‘ weltweit. Als Rahmendokument für die Bildungsarbeit in Hinblick auf die Agenda 2030 gilt dabei die Bildungsagenda 2030: Aktionsrahmen für die Umsetzung von Sustainable Development Goal 4, das in einem mehrjährigen, partizipativen Prozess der internationalen Bildungsgemeinschaft (unter der Federführung UNESCO) entstanden ist.

 

Mit der Agenda 2030 hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der einen deutlich umfassenderen Blick auf Bildung legt und den Stellenwert der tertiären Bildung für nachhaltige Entwicklung hervorhebt. Hochschulen dienen der Ausbildung von Verantwortungsträgern, Fachkräften und Wissenschaftlern, die für die Entwicklung und Umsetzung von Lösungen zu lokalen und globalen Problemen dringend gebraucht werden. Deshalb kommt einer starken Hochschulbildung gerade auch in Entwicklungsländern eine zentrale Bedeutung für das Erreichen aller SDGs zu.

 

Der Ausbau wissenschaftlicher Forschung wird in mehreren Zielen der Agenda 2030 explizit thematisiert: Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft (MoI 2.a), Gesundheit (MoI 3.b), nachhaltige Energien (MoI 7.a), Innovation und Infrastruktur (Unterziel 9.5), Klimaschutz (Unterziel 13.3) und Schutz der Meere (MoI 14.a). Zentral ist die Kapazitätsbildung in und durch Hochschulen für das Erreichen von SDG 17. Globale Partnerschaften sollen den Zugang zu Technologie und Wissenschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern und den Austausch von Wissen fördern. Sie sind ohne Partner auf Augenhöhe in diesen Ländern nicht denkbar (17.6, 17.8, 17.9).

Mit dem in der Addis Ababa Action Agenda (AAAA) vereinbarten Technology Facilitation Mechanism (TFM), verpflichten sich die Staaten, geeignete Rahmenbedingungen zur Förderung von Wissenschaft, Innovation, Technology und Capacity Building zu schaffen.

Das Framework for Action Education 2030 (FfA) erläutert die Zielvorgaben zum Bildungsziel und spezifiziert Umsetzungsstrategien.