Prinzipienumsetzung in der Abteilung 4D

Transformativer Wandel bedeutet für die Abteilung 4D, Gesellschaften mitzugestalten, die natürliche Ressourcen und Energie nachhaltig nutzen, das Klima und Ökosysteme schützen und gut mit Veränderungen umgehen können. Energiewende, Verkehrswende oder auch die Agrarwende sind aktuelle Beispiele für Transformationsprozesse, die viele Nachhaltigkeitsziele gleichzeitig ansprechen. Die fünf Umsetzungsprinzipien der Agenda 2030 zeigen auf, wie transformative Veränderungen unterstützt werden können. Im Folgenden wird beispielhaft dargestellt, wie die Prinzipien sich in der Konzeption von Vorhaben im Themenspektrum der Abteilung 4D widerspiegeln. Neben Projektbeispielen aus der Praxis werden relevante Tools und Konzepte vorgestellt.

Integrierter Ansatz

Das Prinzip Integrierter Ansatz bedeutet, dass alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, die ökologische, ökonomische sowie die soziale in ausgewogener Weise berücksichtigt werden. Dabei können positive Wechselwirkungen (Synergien) erreicht werden; gleichzeitig müssen Zielkonflikte (trade offs) identifiziert und angesprochen werden. Die Abteilung 4D legt seit langem Wert auf integrierte Ansätze und schöpft aus den zahlreichen Konzepten, die es inzwischen für ihre Themen gibt. Die Umsetzung erfolgt vielfach bereits sektor- und abteilungsübergreifend über etablierte gemeinsame Strukturen. Nichtsdestotrotz sollte immer wieder hinterfragt werden, ob wir alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit in der Projektkonzeption angemessen berücksichtigen: Nehmen beispielsweise alle Projekte des Ressourcen- und Klimaschutzes die sozialen Aspekte ausreichend in den Fokus? Stehen sie ggf. im Widerspruch mit ökonomischen Entwicklungszielen der Länder oder fördern sie diese? Beachten z. B. Vorhaben der Landwirtschaftsförderung ökologische Aspekte ausreichend und fördern sie die Gleichberechtigung der Geschlechter und Rechte traditioneller Nutzergruppen? Für die GIZ gehört als vierte Nachhaltigkeitsdimension auch politische Teilhabe dazu und die Frage, wie zukunftsfähig die Institutionen sind, die wir unterstützen. Ein vollständig integrierter Ansatz (soweit es diesen geben kann) würde das oft bemühte ‚Mainstreaming‘ von 4D-Themen ablösen, da die vier Nachhaltigkeitsdimensionen bereits ganzheitlich berücksichtigt wären. Um also sektorales Silodenken weiter zu überwinden, sollten unsere Vorhaben diese Vielfalt an Perspektiven möglichst gut abbilden und im Laufe der Umsetzung auch institutionell stärken.

Beispiele für Ansätze und Projekte:

 

 

 

 

  • RISE ist eine Methode zur Analyse der Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe. „Durch Aufzeigen von Nachhaltigkeitsdefiziten und -potenzialen wird die ökonomisch ausgerichtete betriebliche Erfolgskontrolle und Planung um die ökologische und soziale Dimension erweitert“ (Kurzbeschrieb RISE, Berner Fachhochschule 2017)

 

 

 

  • Progressive Blocktarife für Wasser streben positive Wirkungen im Hinblick auf einen effizienten Umgang mit Wasser, soziale Gerechtigkeit und finanzielle Nachhaltigkeit an (Blocktarif-Ansatz).

 

 

 

 

 

Publikation zum Integrierten Ansatz bei 4D-Themen:

Niemanden zurücklassen (LNOB)

Das LNOB-Prinzip stellt benachteiligte Menschen und Bevölkerungsgruppen wie Frauen, Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, indigene Bevölkerungsgruppen und Geflüchtete sowie die Ärmsten der Armen in den Mittelpunkt. Gerade für diejenigen, die bisher am weitesten zurückgelassen wurden, sollen die Ziele der Agenda 2030 zuerst erreicht werden und (Neu)Vorhaben sind angehalten zu prüfen, inwieweit diese Gruppen miteinbezogen werden können.

Das variiert in der Abteilung 4D nach Themenbereichen: Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel identifizieren beispielsweise die vulnerabelsten Bevölkerungsschichten, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, um deren Resilienz zu stärken. Die Degradierung von Ökosystemen trifft die ärmsten Bevölkerungsgruppen, die in hohem Maße von natürlichen Ressourcen und den Leistungen intakter Ökosysteme abhängig sind, an stärksten (siehe The Economics of Ecosystems and Biodiversity: „GDP of the Poor“). In ländlichen Regionen ist zudem der Zugang zu Basisdienstleistungen und Beschäftigung erschwert. Auch in Städten nimmt die Armut massiv zu. In der ärmsten Region, Sub-Sahara Afrika, wächst die städtische Bevölkerung bis zum Jahr 2050 um den Faktor vier auf über 1,3 Milliarden Menschen. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte sind die Risiken für Sicherheit, Gesundheit und Umwelt in städtischen Armutsgebieten besonders hoch.

Das LNOB Prinzip wird innerhalb der Projektarbeit und der Sektorstrukturen/Partnersysteme auf verschiedenen Ebenen umgesetzt – im Fall der Trinkwasser- und Sanitärversorgung (Water, Sanitation & Health, WASH) zum Beispiel durch:

  • Armutsorientierte Rahmenbedingungen des Wassersektors (Politik, Strategie, Gesetzgebung) unter Beachtung der Menschenrechte
  • Sozialverträglich agierende Wasserversorgungsunternehmen, die klare Verantwortlichkeiten definieren und angepasste Technologien und Geschäftsmodelle für Armutsgebiete realisieren
  • Baseline Studien und armutsorientiertes Monitoring, bei dem desaggregierte Daten erhoben und an die Öffentlichkeit berichtet werden. Sie dienen als Grundlage für Planungen, in welchen marginalisierten und unterversorgten Siedlungsgebieten die Versorgung ausgebaut werden muss.
  • Finanzierung: Investitionen im Wassersektor werden über Treuhandfonds oder andere Mechanismen gezielt auf dem „letzten Meter“ (last mile) in Gebieten getätigt, die bis dato unterversorgt sind.
  • Technologieeinsatz: Armutsorientierte Ansätze in Randgebieten von Siedlungen erreichen eine Vielzahl von Menschen über Wasserkioske, Hofanschlüsse, Pre-paid Zapfstellen oder erschwingliche Toiletten, die an Sickergruben angeschlossen werden.

In der Konzeption von Vorhaben muss aber auch abgewogen werden, ob nicht größere Hebelwirkungen erreicht werden können, wenn andere Zielgruppen angesprochen werden. Dies gilt beispielweise bei Vorhaben zum Schutz globaler Güter (Minderung von Treibhausgasen, Erhalt der Biodiversität), aber auch bei der Förderung von Innovationen in der Landwirtschaft oder im Energiesektor. Vielfach ist eine Ausrichtung auf Zielgruppen notwendig, die einfach und effektiv erreicht werden können und die die Nachhaltigkeit der Lösungsansätze gewährleisten können. Diese Ausrichtung schließt oftmals die Ärmsten der Armen und die am stärksten Benachteiligten nicht mit ein. Es sollte im Sinne der Safeguards aber dafür Sorge tragen werden, dass diese Gruppen nicht negativ beeinflusst werden. Dies mindert keinesfalls die Qualität eines Vorhabens: In den meisten Fällen profitieren marginalisierte Gruppen zumindest indirekt. Wenn eine bewusste Entscheidung zugunsten einer sozial und ökonomisch stärkeren Zielgruppe getroffen wird, dann sollte diese im Projektvorschlag entsprechend begründet werden.

Beispiele für Ansätze und Projekte:

 

  • Maßnahmen zur Ernährungssicherung und Resilienzstärkung nehmen insbesondere die Ernährungssituation von Frauen und Kindern in den Blick und dienen dazu, die Widerstandskraft armer Haushalte gegenüber Hungerkrisen zu verbessern.

 

 

 

 

 

 

 

Gemeinsame Verantwortung

Transformation gelingt am besten mit breitem Konsens und dieser wiederum speist sich aus gemeinsamer Verantwortung. Gemeinsame Verantwortung bei der Umsetzung der Agenda 2030 bedeutet, dass nicht nur die Politik und Staaten, sondern auch die Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft für die Erreichung der Agenda-Ziele verantwortlich sind. Regierungen, Zivilgesellschaft, Privatsektor sowie bi- und multilaterale Geber werden in einem Multi-Akteurs-Ansatz gleichermaßen angesprochen und auf den jeweiligen Interventionsebenen (global, regional, national, lokal) einbezogen. Die effektivere Zusammenarbeit der Akteure soll auch dazu beitragen, Wissen, Expertise, Technologien und finanzielle Mittel zu mobilisieren.

Multi-Akteurs-Partnerschaften sind im Themenbereich der Abteilung 4D kein neuer Ansatz. Globale und nationale Initiativen und Partnerschaften zwischen verschiedenen Akteuren, z. B. in der Klimafinanzierung, zu nachhaltigem Konsum und Zertifizierung, tragen dazu bei, dass sich gemeinsame Verantwortung einstellt.

Gleichzeitig sollten Projekte vermeiden, sich für nicht nachhaltige Praktiken instrumentalisieren zu lassen (‚Green- und social washing‘). Ob eine Partnerschaft insgesamt und längerfristig mehr nutzt als schadet, ist im Einzelfall möglicherweise schwer abschätzbar, sollte aber immer wieder gemeinsam und transparent überprüft werden.

Beispiele für Ansätze und Projekte:

  • In der internationalen Umwelt- und Klimapolitik sind in erster Linie Regierungen für die Umsetzung multilateraler Umweltabkommen verantwortlich. Es werden aber immer wieder Foren und Instrumente für die Beteiligung der lokale Ebenen ebenso wie Forschungseinrichtungen bzw. Think Tanks und Zivilgesellschaft geschaffen. Der Talanoa-Dialog ist ein aktuelles Beispiel für die Einbeziehung nichtstaatlicher Akteuren in die internationale Klimapolitik. Weitere Beispiele sind Plattformen zu Green Economy oder Green Growth.

 

 

 

 

 

  • Interessante Erfahrungen bieten Prozesse, in denen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik gemeinsam an gesellschaftlichen Fragen arbeiten. Es gibt zahlreiche Hilfen und Ansätze, die für derartige Science-Society-Policy-Schnittstellen entwickelt wurden, z. B. Hilfen zu Partizipation, Transdisziplinäre Methoden, oder zur Koproduktion von Wissen. Relevante Plattformen in diesem Kontext sind der Weltklimarat IPCC und Weltbiodiversitätsrat IPBES.
Rechenschaft: Follow-up und Review

Bei der Umsetzung des Prinzips Rechenschaftspflicht geht es zum einen um die Unterstützung der Partnerländer bei der nationalen Berichterstattung im High-Level Political Forum, und zum anderen um die Berichterstattung über den Beitrag der GIZ zur Umsetzung der Agenda 2030 als Unterstützer der jeweiligen Partner(länder). Die Partnerländer sind vielfach noch dabei, die globalen Ziele in nationale Politiken und Strategien herunter zu brechen. Daher gibt es bisher kaum Vorhaben, die bereits einen direkten Beitrag zur nationalen Berichtserstattung leisten.

Offene Fragen für die Projekt- und Programmplanung und -umsetzung sind: Können unsere in den Programmen und Einzelvorhaben erhobenen Daten zur nationalen SDG-Berichtserstattung beitragen? Wie stark sollten unsere Indikatoren an den nationalen Indikatoren ausgerichtet sein? Wie können Vorhaben die Erhebung, Analyse und Verbreitung von Daten unterstützen? Ist eine Harmonisierung der Methoden zur Datenerhebung erforderlich?

Datenmanagement und Monitoringsysteme dienen als Grundlage für Sektor-Review und Berichterstattung. Inkonsistenzen zwischen SDG-Reporting und der Berichterstattung in den Sektoren sollten gezielt geprüft und herausgearbeitet werden. Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass die SDG Indikatoren ein globales Monitoringsystem darstellen und keine bindenden Standards für nationale Indikatoren und Monitoringsysteme vorgeben. Der Anspruch der SDG Indikatoren fällt zudem teilweise hinter sektor-spezifischen Zielen und Indikatoren zurück (z.B. Indikatoren des Übereinkommens über biologische Vielfalt).

Die meisten Vorhaben in der EZ sind mit komplexen Fragestellungen und einer unsicheren Datenlage, sowie vielfältigen Wertevorstellungen konfrontiert. Je größer die Transparenz über die Unsicherheit von Wissen und die Vielfalt an Werten, desto größer ist die Chance, glaubwürdige Berichte zu verfassen, die auf breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen.

Beispiele für Ansätze und Projekte:

 

 

  • Weitere Beiträge zur Erhebung relevanter Daten: Die IDA Community WASH unterstützt bei der Erstellung von Datenbanken und Baseline Studien zur Wasser- und Sanitärversorgung in Armutsgebieten in verschiedenen Ländern (Sambia, Kenia, Burkina Faso, Tansania). Andere Vorhaben, die z. B. Green Economy oder die Erstellung von Ökosystemkonten unterstützen, tragen ebenfalls zur Verbesserung der Datenlage bei und können zusätzlich zur umweltökonomischen Gesamtrechnung und/oder alternativen Möglichkeiten von Wohlstandsmessung beraten.

 

  • Datenerhebungen zu aggregierten Wirkungen, inkl. Auswertungen der Bezüge zur Agenda 2030, spielen eine große Rolle in Sonderinitiativen der EZ, wie der Sonderinitiative eine Welt ohne Hunger (SEWOH) aber auch in der Wirkungskommunikation der GIZ.

Publikationen und Hilfen zu Rechenschaft bei 4D-Themen:

  • Studie „Access to Water and Sanitation in Sub-Saharan Africa“: Eine Fünf-Länder-Studie der GIZ in Sub-Sahara Afrika hat die großen Unterschiede zwischen der MDG-/SDG-Berichterstattung durch WHO/UNICEF sowie der Sektorinstitutionen herausgearbeitet. Die Diskrepanzen in der Berichterstattung lassen keine sicheren Aussagen über die Trends und Versorgungsniveaus in den Ländern zu. Die Informationssysteme sind mangelhaft und Methoden der Datenerhebung/Definitionen nicht harmonisiert. Dies erschwert eine Rechenschaftslegung über den SDG-Fortschritt.
  • Excel-Tool zur Entwicklung von umweltrelevanten SDG-Indikatoren auf Projektebene (DMS-Link)
Universalität

Die Agenda 2030 hat den Anspruch, universell für alle Staaten dieser Welt – Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer – gültig zu sein und grenzt sich darin unter anderem von den früheren MDGs ab. Damit sind alle Länder in der Verantwortung Umsetzungsmaßnahmen zu treffen. Gleichzeitig bleibt es vollständig der Souveränität der Länder überlassen, welche SDGs prioritär behandelt werden und wie sie erreicht werden sollen. Zu den gängigen Entwicklungskritiken gehört der Vorwurf, dass globale Agenden im Wesentlichen von Industrieländern definiert bzw. durch Wissen(schaft), Technologie, Einfluss etc. dominiert werden. Die Narrative des ‚Wissens- und Technologietransfers‘, ‚Best Practices‘ oder ‚Scaling Up‘ legen immer noch nahe, dass vorgefertigte Lösungen für komplexe Probleme einfach übertragen werden können – vielfach zulasten der lokalen Legitimität, Relevanz, Glaubwürdigkeit, Umsetzbarkeit und somit der Nachhaltigkeit.

Wo möglich, sollten Projekte zu dieser Gradwanderung zwischen globaler Gültigkeit und nationaler Kontextualisierung beitragen und dabei auch Fragen globaler Gerechtigkeit nicht aus den Augen verlieren.

Die Themen nachhaltiges Produzieren und Konsumieren bieten Gelegenheit, Fragen globaler Gerechtigkeit anzusprechen, ebenso wie der ökologische Fußabdruck oder das Konzept der planetaren Grenzen. Auch internationale Umweltabkommen, wie das Pariser Klimaabkommen oder auch das Nagoya Protokoll, nehmen Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen in die Pflicht und zielen auf Wissens- und Technologietransfer, sowie Ressourcenmobilisierung auf Augenhöhe.

 

Zeichnung: Caroline Jehmlich